Während der Anschlußheilbehandlung in Bad Wildungen habe ich 2007 Prof. M. Walther kennen gelernt, der dort auch einen Vortrag über das von ihm und M. Rossa herausgegebene Buch: "Mein Kriegsende Kindheit im Dritten Reich und danach" gehalten hat.
Seitdem besitze ich die Erinnerungen einer Abiturklasse (alle Kriegskinder aus Ost und West) mit seiner Widmung. Jetzt habe ich es wieder zur Hand genommen, weil mir eingefallen ist, dass es den Bericht von Bodo Schönegge unter dem Titel "Vom 1000jährigen Reich in die Bundesrepublik Deutschland" und viel anderes Interessante enthält.
Eine bessere Zusammenfassung dessen, was auch ich 1945/46 ganz ähnlich erlebt habe, kenne ich nicht. Also möchte ich ihn hier mit Erlaubnis zitieren.
Unser Leben in Stolp - bis der Krieg kommt, der so weit weg schien
Ich bin am 13.08. 1938 (ein halbes Jahr später als ich,S.) in Stolp in Pommern, heute Slupsk in Polen, geboren. Die Stadt liegt 15 km von der Küste entfernt. Stolp hatte damals circa 50000 Einwohner, Backsteingotik, Holsstentor, zwei Naherholungsgebiete östlich und westlich der Stadt. Sie hießen Waldkater und Waldkatze und waren mit der Straßenbahn erreichbar. Die Bevölkerung lebte von der Möbelindustrie, die im Krieg durch Rüstungsindustrie, hauptsächlich Propellerbau, substituiert wurde. Meierei war ein anderer Wirtschaftszweig. Hergestellt wurde das "Stolper Jungchen", ein damals weithin bekannter Weißschimmelkäse, der bis nach England exportiert wurde. Im Jahr meiner Geburt fand das später "legendäe" genannte Jazzkonzert in der Carnegie Hall, New York statt. In Stolp wusste man davon nichts. Hitlers Kulturwüate war in Deutschland flächendeckend. Derr Krieg schien weit weg.
Meine Mutter war Krankenschwester. Sie war Berlinerin und stand eher der Sozialdemokratie nahe. Mein Vater war Bauernsohn, er war Pommer und NSDAP-Mitglied. Er war es wohl eher, weil alle im Ort es waren. Ich sollte Erbhofbauer werden und wurde gleichn nach meiner Geburt an der NAPOLA angemeldet.
Der Krieg, der so weit weg schien, erreichte im Januar/Februar 1945 Stolp. Es war ein sehr kalter Winter. Zunächst flogen die Sowjets Luftangriffe. Es waren vermutlich "kleine" Bomben, 5- kg-Brandbomben. Das Haus, in dem wir wohnten, blieb unversehrt.
Die sowjetische Besatzung dauert etwa ein halbes Jahr
Die ersten Russen sah ich im Luftschutzkeller. Dann kam das große Sterben unter den verbliebenen Deutschen in der Stadt. Es gab weder Lebensmittel noch medizinische Versorgung, Plünderungen setzten ein.
Die sowjetische Besetzung dauerte etwa ein halbes Jahr. Die meisten sowjetischen Soldaten waren Asiaten. Sie drangen in die Häuser ein, fuhren mit Säbeln in die Federbetten und freuten sich, wenn die Federn flogen. Manche hatten die Unterarme voller Armbanduhren und waren stolz darauf, wenn möglichst viele die gleiche Zeit anzeigten.
Täglich wurden zweirädrige Karren durch die Straßen gezogen, auf die man die in Laken gewickelten Leichen warf. Man ging in alle Häuser und klopfte an die Türen. Wurde nicht geöffnet, brach man die Türen auf und fand häufig Tote, Verhungerte oder Selbstmörder.
Dann begann die Zeit der Denunziationen. Ein Wohnungsnachbar, von Beruf Fotograf, nicht zum Krieg "gezogen", verriet, dass mein Vater Nazi war. Darauf hin kamen Soldaten und stellten unsere Wohnung auf den Kopf. Hinter dem Wohnzimmerschrank fanden sie das Gesuchte: Ehrendolch meines Vaters, Schießabzeichen und ein Hitlerbild. Wir wurden sofort zur Kommandantur gebracht, die sich im Rathaus befand. Mein Bruder Jörg und ich spielten während des Verhörs meiner Mutter im Hof der Kommandantur. Jörg hatte ein Spielzeugauto aus Metall, das er mir dabei an den Kopf warf. Ich blutete heftig aus der Oberlippe - und habe heute noch eine Narbe davon. Ich wurde von einer Soldatin ins Verhörzimmer geschafft. Meiner Mutter wurde gesagt, ihre Kinder seien "schon verseucht" und sie werde jetzt "liquidiert". "So seid ihr Deutschen: nicht solidarisiert und unbelehrbar." Dann sagten sie ihr, sie habe deshalb den Tod verdient, so zu sagen als Rabenmutter. Meine Mutter flehte, sie sollten doch wenigstens die Kinder verschonen. Sie lachten, es sei ja nur ein Scherz gewesen.
Sie vergewaltigen meine Mutter
Es war immer nachts, wenn Trupps von drei bis vier Soldaten durch die Straßen zogen. Ein Trupp fiel in unsere Wohnung ein. Sie vergewaltigten meine Mutter auf dem Fußboden im Flur. Es waren drei. Jeweils zwei hielten sie fest. Sie vergingen sich alle drei an ihr. Wir Kinder, Jörg und ich, waren anwesend.
Später hat sich meine Mutter mit einem sowjetischen Offizier "eingelassen". Er war schön und groß. Meine Mutter hatte mir immer gesagt, die Russen seien wie die Tiere... Dieser Offizier was nicht so. Es besorgte uns einen "Entlastungsbrief", der an die Wohnungstür geheftet wurde. Die nächtlichen Belästigungen hörten dann auf.
Vor unserem Haus am Henkelplatz wurde eines Tages eine militärische Totenehrung veranstaltet. Ein sowjetischer General war erschossen worden. Es wurde Salut geschossen, mit scharfer Munition in die umliegenden Häuser. Es traf auch die Fenster unserer Wohnung. Jetzt wurde es auch in unserer Wohnung sehr kalt.
16-jährige "Wehrwölfe" vor allen Deutschen hingerichtet
In den umliegenden Wäldern hatten sich Jugendliche, vermutlich Nazifanatiker, die dem "Werwolf" angehörten, verschanzt. Sie schossen auf sowjetische Konvois und wurden geschnappt. Alle in der Stadt verbliebenen Deutschen wurden im Rosengarten, einer Grünanlage inmitten der Stadt, zusammengetrieben. Ein sowjetischer Offizier hielt eine Rede, ein Deutscher übersetzte sie. Es wurde verkündet, dass die drei Jugendlichen, der älteste könnte 16 gewesen sein, zum Tode verurteilt worden seien. Die Deliquenten wurden mit erhobenen Armen zwischen aufgestellten hohen Masten festgebunden und mit militärischem Prozedere erschossen. Niemand hatte etwas gesagt, schweigend gingen alle nach Hause.
Sowjetische Soldaten biwakierten auf dem Bahnhofsvorplatz. Sie machten ein Lagerfeuer und grillten ein Schwein. Sie nahmen mich in ihren Kreis, streichelten meinen Kopf und gaben mir von dem Fleisch zu essen. Das war ein völlig unverhofftes Glück.
Ein anderes war, dass ich im Keller eines abgebrannten Hauses eine große Blechkiste voll Traubenzucker fand.
Im Juli/ August 1945 kommen Polen in Güterzügen
Im Juli/August 1945 kamen die Polen mit Sack und Pack in Güterzügen an. Sie waren aus Ostpolen, das nun sowjetisch war, umgesiedelt worden. Sie zogen in die schönsten von Deutschen schon verlassenen Wohnungen ein. Das reichte aber nicht aus, so dass sie auch in noch bewohnte Häuser einzogen. Unsere Wohnung besetzte eine Straßenbahnfahrerin, die uns ein Zimmer ließ. Nachts feierte sie oft laute Feste mit viel Wodka. Bei einer solchen Gelegenheit drangen polnische Zivilisten in unser Zimmer ein und ballerten mit Pistolen herum. Mein Bruder Jörg ließ sich vor Angst und Schrecken unter das Bett fallen und wurde stumm. Es dauerte Wochen, bis er wieder sprechen konnte.
In unseren Haus bewohnten zwei alte Lehrerinnen eine Wohnung. Polen brachten ihnen eine Milchkanne voll Suppe und zwangen sie, diese zu essen. Sie starben daran. Dann war ihre Wohnung frei für Polen.
Allmählich zog wiederr ziviles Leben ein. Kleine Geschäfte wurden eröffnet, von Polen. Die noch verbliebenen Deutschen waren Frauen und Kinder. Sie verkauften alles, was sie noch an Hausrat hatten. Besteck und Wäsche waren besonders gefragt. Nicht selten wurden sie übers Ohr gehauen. Man wusste nicht, wie polnisches Geld aussah.und was es wert war. Ich verkaufte auch etwas an Polen. Ich glaube, es war ein Schaukelpferd. Mit den erlösten Zloti ging ich in einen Laden, um etwas zu kaufen, sie haben sich kaputtgelacht über das längst ungültige Geld.
Flucht nach Berlin
Anfang 1946 nahm meine Mutter Kontakt zu einem polnischen Lokführer auf, um die Flucht aus dem polnischen Gebiet in die sowjetische Zone Deutschlands und letzten Endes nach Berlin in die Wege zu leiten. Gegen Überlassung allen uns verbliebenen Hausrats gelangten wir in einen Waggon eines Güterzuges, der wohl ohnehin als Flüchtlingszug eingesetzt war. In den Waggons drängten sich die Menschen. Mein Bruder Jörg war sechs und stark unterernährt. Meine Mutter trug ihn im Rucksack auf dem Rücken. Ich hielt ihre Hand. An der deutsch-polnischen Grenze wurden wir von sowjetischen Soldaten aus dem Zug getriweben und mussten zu Fuß weiter gehen. An einer Straßenkreuzung veranstalteten Militärs eine "Selektion". Arbeitsfähige nach links, Alte iund Schwache nach rechts. In unserem kläglichen Zustand durften wir nach rechts und unseren Weg Richtung Westen in einer endlosen Menschenschlange zu Fuß fortsetzen.
Endich kamen wir in Berlin an. Meine Mutter fand ihre Schwester, deren Wohnung noch intakt war und in der wir zunächst unterkamen, Wir erfuhren dort, dass mein Vater aus amerikanischer Gefangenschaft entlassen und nach Hessen geraten war. In Berlin begann das Leben sich zu normalisieren. Mit etlichen tausend Reichsmark, die in meiner Kleidung eingenäht die Flucht überdauert hatten, konnte man hier noch was erwerben...
Von Berlin in die amerikanische Zone zu Verwandten
Von Berlin aus machten wir uns mit einem der wenigen Züge nach Westen in die amerikanische Zone auf. In Herleshausen wurden wir von den Amerikanern zur Entlausung in ein Zelt gebracht. Kinder und Frauen mussten sich nackt ausziehen und wurden von oben berieselt. Ich reichte bis in die Schamhöhe der Frauen. Es war kalt und beschämend. Im nachhinein erscheint mir diese Maßnahme, wie schon die "Selektion" bei den Sowjets, wie eine Vorhaltung: Seht, so seid ihr mit euern Opfern umgegangen.
Wir gelangten nach Himbach, einem kleinen Ort in Oberhessen. Die Adresse hatte meine Tante in Berlin ausfindig gemacht, vermutlich über das Rote Kreuz, das noch lange Jahre Suchmeldungen verbreitete. Dorthin hatte es Brüder meines Vaters verschlagen. Von ihnen erfuhren wir, dass mein Vater in Friedberg bei der Reichsbahn arbeitete. Dort fanden wir ihn inmitten völlig zerbombter Gleisanlagen bei Aufräumungsarbeiten.
Ich kenne meinen Vater nur von Fotos
Ich kannte meinen Vater nur von Fotos. Er war mir völlig fremd. Erst recht dieser düster aussehende, zerlumpte Mann auf den Resten des Bahnhofs. Weil er unendlich lange mein Gesicht an seinem Stoppelbart drückte, war er mir auch noch unsympathisch.
Als täglichen Arbeitslohn bekam mein Vater Kohle, soviel er abends wegtragen konnte. Das schwarze Gold war damals wirklich Gold wert und eine der besten Währungen. Für Kohle konnte man alles haben. Wir konnten für Kohle zum Beisoiel Möbel anfertigen lassen, als wir eine Behausung bekommen hatten.
Im April 1946 wurden wir von der rudimentär existierenden deutschen Verwaltung in ein Bauernhaus in Echzell in der Wetterau einquartiert. Der Bauer war Witwer und wohnte allein in dem großen Haus. Das war bei dem akuten Wohnraummangel so etwas wie eine Sünde. Wir waren in dem Ort die ersten Flüchtlinge. Der Bauer hielt uns für Polen. In seinem kaum verstehbaren Dialekt fragte er, ob wir Deutsch könnten.
Die Bevölkerung des Dorfes reagierte feindlich auf uns. Keine Spur von Solidarität.
Innerhalb weniger Wochen kamen zugweise Sudetendeutsche im Ort an, die auch alle zwangseingewiesen wurden.
Als die Reichsbahn wieder einigermaßen funktionierte, kamen auch die sogenannten "Hamsterzüge". Die Menschen aus den zerbombten Städten versuchten, durch Tausch an Lebensmittel zu kommen - Silberbesteck für Kartoffeln, Goetheausgabe für Mehl, Radio für Eier und Speck. Es gab Bauern, die sich regelrecht spezialisiert hatten, zum Beispiel auf medizinisches Besteck oder Teppiche. Sie hofften, damit später viel Geld zu machen.
Mit den Flüchtlingen verdoppelte sich die Bevölkerung des Dorfes und mit ihnen gab es plötzlich auch Katholiken im bis dahin evangelischen Dorf. Die Amerikaner hatten den Bürgermeister eingesetzt. Es war der vormalige Ortsbauernführer, ein Nazi also. 1947 organisierten die Amerikaner die ersten Wahlen. Sie zeigten Präsenz im Dorf und in der Umgebung, fuhren in offenen Jeeps mit aufgepflanztem MG herum.
Auffällig in diesem Dorf war die große Zahl an geistig und körperlich Behinderten, die offenbar während des "Tausendjährigen Reiches" von den überörtlichen Behörden versteckt worden und so der Euthanasie entkommen waren.
Nach einer Aufnahmeprüfung kam ich im Frühjahr 1949 in die Sexta des Gymnasiums in Nidda. Ich war in der Nachkriegszeit und in der Bundesrepublik angekommen.
(Im Buch folgen biografische Angaben und Begriffserklärungen, z. B. für NAPOLA.)u. a.
Seitdem besitze ich die Erinnerungen einer Abiturklasse (alle Kriegskinder aus Ost und West) mit seiner Widmung. Jetzt habe ich es wieder zur Hand genommen, weil mir eingefallen ist, dass es den Bericht von Bodo Schönegge unter dem Titel "Vom 1000jährigen Reich in die Bundesrepublik Deutschland" und viel anderes Interessante enthält.
Eine bessere Zusammenfassung dessen, was auch ich 1945/46 ganz ähnlich erlebt habe, kenne ich nicht. Also möchte ich ihn hier mit Erlaubnis zitieren.
Unser Leben in Stolp - bis der Krieg kommt, der so weit weg schien
Ich bin am 13.08. 1938 (ein halbes Jahr später als ich,S.) in Stolp in Pommern, heute Slupsk in Polen, geboren. Die Stadt liegt 15 km von der Küste entfernt. Stolp hatte damals circa 50000 Einwohner, Backsteingotik, Holsstentor, zwei Naherholungsgebiete östlich und westlich der Stadt. Sie hießen Waldkater und Waldkatze und waren mit der Straßenbahn erreichbar. Die Bevölkerung lebte von der Möbelindustrie, die im Krieg durch Rüstungsindustrie, hauptsächlich Propellerbau, substituiert wurde. Meierei war ein anderer Wirtschaftszweig. Hergestellt wurde das "Stolper Jungchen", ein damals weithin bekannter Weißschimmelkäse, der bis nach England exportiert wurde. Im Jahr meiner Geburt fand das später "legendäe" genannte Jazzkonzert in der Carnegie Hall, New York statt. In Stolp wusste man davon nichts. Hitlers Kulturwüate war in Deutschland flächendeckend. Derr Krieg schien weit weg.
Meine Mutter war Krankenschwester. Sie war Berlinerin und stand eher der Sozialdemokratie nahe. Mein Vater war Bauernsohn, er war Pommer und NSDAP-Mitglied. Er war es wohl eher, weil alle im Ort es waren. Ich sollte Erbhofbauer werden und wurde gleichn nach meiner Geburt an der NAPOLA angemeldet.
Der Krieg, der so weit weg schien, erreichte im Januar/Februar 1945 Stolp. Es war ein sehr kalter Winter. Zunächst flogen die Sowjets Luftangriffe. Es waren vermutlich "kleine" Bomben, 5- kg-Brandbomben. Das Haus, in dem wir wohnten, blieb unversehrt.
Die sowjetische Besatzung dauert etwa ein halbes Jahr
Die ersten Russen sah ich im Luftschutzkeller. Dann kam das große Sterben unter den verbliebenen Deutschen in der Stadt. Es gab weder Lebensmittel noch medizinische Versorgung, Plünderungen setzten ein.
Die sowjetische Besetzung dauerte etwa ein halbes Jahr. Die meisten sowjetischen Soldaten waren Asiaten. Sie drangen in die Häuser ein, fuhren mit Säbeln in die Federbetten und freuten sich, wenn die Federn flogen. Manche hatten die Unterarme voller Armbanduhren und waren stolz darauf, wenn möglichst viele die gleiche Zeit anzeigten.
Täglich wurden zweirädrige Karren durch die Straßen gezogen, auf die man die in Laken gewickelten Leichen warf. Man ging in alle Häuser und klopfte an die Türen. Wurde nicht geöffnet, brach man die Türen auf und fand häufig Tote, Verhungerte oder Selbstmörder.
Dann begann die Zeit der Denunziationen. Ein Wohnungsnachbar, von Beruf Fotograf, nicht zum Krieg "gezogen", verriet, dass mein Vater Nazi war. Darauf hin kamen Soldaten und stellten unsere Wohnung auf den Kopf. Hinter dem Wohnzimmerschrank fanden sie das Gesuchte: Ehrendolch meines Vaters, Schießabzeichen und ein Hitlerbild. Wir wurden sofort zur Kommandantur gebracht, die sich im Rathaus befand. Mein Bruder Jörg und ich spielten während des Verhörs meiner Mutter im Hof der Kommandantur. Jörg hatte ein Spielzeugauto aus Metall, das er mir dabei an den Kopf warf. Ich blutete heftig aus der Oberlippe - und habe heute noch eine Narbe davon. Ich wurde von einer Soldatin ins Verhörzimmer geschafft. Meiner Mutter wurde gesagt, ihre Kinder seien "schon verseucht" und sie werde jetzt "liquidiert". "So seid ihr Deutschen: nicht solidarisiert und unbelehrbar." Dann sagten sie ihr, sie habe deshalb den Tod verdient, so zu sagen als Rabenmutter. Meine Mutter flehte, sie sollten doch wenigstens die Kinder verschonen. Sie lachten, es sei ja nur ein Scherz gewesen.
Sie vergewaltigen meine Mutter
Es war immer nachts, wenn Trupps von drei bis vier Soldaten durch die Straßen zogen. Ein Trupp fiel in unsere Wohnung ein. Sie vergewaltigten meine Mutter auf dem Fußboden im Flur. Es waren drei. Jeweils zwei hielten sie fest. Sie vergingen sich alle drei an ihr. Wir Kinder, Jörg und ich, waren anwesend.
Später hat sich meine Mutter mit einem sowjetischen Offizier "eingelassen". Er war schön und groß. Meine Mutter hatte mir immer gesagt, die Russen seien wie die Tiere... Dieser Offizier was nicht so. Es besorgte uns einen "Entlastungsbrief", der an die Wohnungstür geheftet wurde. Die nächtlichen Belästigungen hörten dann auf.
Vor unserem Haus am Henkelplatz wurde eines Tages eine militärische Totenehrung veranstaltet. Ein sowjetischer General war erschossen worden. Es wurde Salut geschossen, mit scharfer Munition in die umliegenden Häuser. Es traf auch die Fenster unserer Wohnung. Jetzt wurde es auch in unserer Wohnung sehr kalt.
16-jährige "Wehrwölfe" vor allen Deutschen hingerichtet
In den umliegenden Wäldern hatten sich Jugendliche, vermutlich Nazifanatiker, die dem "Werwolf" angehörten, verschanzt. Sie schossen auf sowjetische Konvois und wurden geschnappt. Alle in der Stadt verbliebenen Deutschen wurden im Rosengarten, einer Grünanlage inmitten der Stadt, zusammengetrieben. Ein sowjetischer Offizier hielt eine Rede, ein Deutscher übersetzte sie. Es wurde verkündet, dass die drei Jugendlichen, der älteste könnte 16 gewesen sein, zum Tode verurteilt worden seien. Die Deliquenten wurden mit erhobenen Armen zwischen aufgestellten hohen Masten festgebunden und mit militärischem Prozedere erschossen. Niemand hatte etwas gesagt, schweigend gingen alle nach Hause.
Sowjetische Soldaten biwakierten auf dem Bahnhofsvorplatz. Sie machten ein Lagerfeuer und grillten ein Schwein. Sie nahmen mich in ihren Kreis, streichelten meinen Kopf und gaben mir von dem Fleisch zu essen. Das war ein völlig unverhofftes Glück.
Ein anderes war, dass ich im Keller eines abgebrannten Hauses eine große Blechkiste voll Traubenzucker fand.
Im Juli/ August 1945 kommen Polen in Güterzügen
Im Juli/August 1945 kamen die Polen mit Sack und Pack in Güterzügen an. Sie waren aus Ostpolen, das nun sowjetisch war, umgesiedelt worden. Sie zogen in die schönsten von Deutschen schon verlassenen Wohnungen ein. Das reichte aber nicht aus, so dass sie auch in noch bewohnte Häuser einzogen. Unsere Wohnung besetzte eine Straßenbahnfahrerin, die uns ein Zimmer ließ. Nachts feierte sie oft laute Feste mit viel Wodka. Bei einer solchen Gelegenheit drangen polnische Zivilisten in unser Zimmer ein und ballerten mit Pistolen herum. Mein Bruder Jörg ließ sich vor Angst und Schrecken unter das Bett fallen und wurde stumm. Es dauerte Wochen, bis er wieder sprechen konnte.
In unseren Haus bewohnten zwei alte Lehrerinnen eine Wohnung. Polen brachten ihnen eine Milchkanne voll Suppe und zwangen sie, diese zu essen. Sie starben daran. Dann war ihre Wohnung frei für Polen.
Allmählich zog wiederr ziviles Leben ein. Kleine Geschäfte wurden eröffnet, von Polen. Die noch verbliebenen Deutschen waren Frauen und Kinder. Sie verkauften alles, was sie noch an Hausrat hatten. Besteck und Wäsche waren besonders gefragt. Nicht selten wurden sie übers Ohr gehauen. Man wusste nicht, wie polnisches Geld aussah.und was es wert war. Ich verkaufte auch etwas an Polen. Ich glaube, es war ein Schaukelpferd. Mit den erlösten Zloti ging ich in einen Laden, um etwas zu kaufen, sie haben sich kaputtgelacht über das längst ungültige Geld.
Flucht nach Berlin
Anfang 1946 nahm meine Mutter Kontakt zu einem polnischen Lokführer auf, um die Flucht aus dem polnischen Gebiet in die sowjetische Zone Deutschlands und letzten Endes nach Berlin in die Wege zu leiten. Gegen Überlassung allen uns verbliebenen Hausrats gelangten wir in einen Waggon eines Güterzuges, der wohl ohnehin als Flüchtlingszug eingesetzt war. In den Waggons drängten sich die Menschen. Mein Bruder Jörg war sechs und stark unterernährt. Meine Mutter trug ihn im Rucksack auf dem Rücken. Ich hielt ihre Hand. An der deutsch-polnischen Grenze wurden wir von sowjetischen Soldaten aus dem Zug getriweben und mussten zu Fuß weiter gehen. An einer Straßenkreuzung veranstalteten Militärs eine "Selektion". Arbeitsfähige nach links, Alte iund Schwache nach rechts. In unserem kläglichen Zustand durften wir nach rechts und unseren Weg Richtung Westen in einer endlosen Menschenschlange zu Fuß fortsetzen.
Endich kamen wir in Berlin an. Meine Mutter fand ihre Schwester, deren Wohnung noch intakt war und in der wir zunächst unterkamen, Wir erfuhren dort, dass mein Vater aus amerikanischer Gefangenschaft entlassen und nach Hessen geraten war. In Berlin begann das Leben sich zu normalisieren. Mit etlichen tausend Reichsmark, die in meiner Kleidung eingenäht die Flucht überdauert hatten, konnte man hier noch was erwerben...
Von Berlin in die amerikanische Zone zu Verwandten
Von Berlin aus machten wir uns mit einem der wenigen Züge nach Westen in die amerikanische Zone auf. In Herleshausen wurden wir von den Amerikanern zur Entlausung in ein Zelt gebracht. Kinder und Frauen mussten sich nackt ausziehen und wurden von oben berieselt. Ich reichte bis in die Schamhöhe der Frauen. Es war kalt und beschämend. Im nachhinein erscheint mir diese Maßnahme, wie schon die "Selektion" bei den Sowjets, wie eine Vorhaltung: Seht, so seid ihr mit euern Opfern umgegangen.
Wir gelangten nach Himbach, einem kleinen Ort in Oberhessen. Die Adresse hatte meine Tante in Berlin ausfindig gemacht, vermutlich über das Rote Kreuz, das noch lange Jahre Suchmeldungen verbreitete. Dorthin hatte es Brüder meines Vaters verschlagen. Von ihnen erfuhren wir, dass mein Vater in Friedberg bei der Reichsbahn arbeitete. Dort fanden wir ihn inmitten völlig zerbombter Gleisanlagen bei Aufräumungsarbeiten.
Ich kenne meinen Vater nur von Fotos
Ich kannte meinen Vater nur von Fotos. Er war mir völlig fremd. Erst recht dieser düster aussehende, zerlumpte Mann auf den Resten des Bahnhofs. Weil er unendlich lange mein Gesicht an seinem Stoppelbart drückte, war er mir auch noch unsympathisch.
Als täglichen Arbeitslohn bekam mein Vater Kohle, soviel er abends wegtragen konnte. Das schwarze Gold war damals wirklich Gold wert und eine der besten Währungen. Für Kohle konnte man alles haben. Wir konnten für Kohle zum Beisoiel Möbel anfertigen lassen, als wir eine Behausung bekommen hatten.
Im April 1946 wurden wir von der rudimentär existierenden deutschen Verwaltung in ein Bauernhaus in Echzell in der Wetterau einquartiert. Der Bauer war Witwer und wohnte allein in dem großen Haus. Das war bei dem akuten Wohnraummangel so etwas wie eine Sünde. Wir waren in dem Ort die ersten Flüchtlinge. Der Bauer hielt uns für Polen. In seinem kaum verstehbaren Dialekt fragte er, ob wir Deutsch könnten.
Die Bevölkerung des Dorfes reagierte feindlich auf uns. Keine Spur von Solidarität.
Innerhalb weniger Wochen kamen zugweise Sudetendeutsche im Ort an, die auch alle zwangseingewiesen wurden.
Als die Reichsbahn wieder einigermaßen funktionierte, kamen auch die sogenannten "Hamsterzüge". Die Menschen aus den zerbombten Städten versuchten, durch Tausch an Lebensmittel zu kommen - Silberbesteck für Kartoffeln, Goetheausgabe für Mehl, Radio für Eier und Speck. Es gab Bauern, die sich regelrecht spezialisiert hatten, zum Beispiel auf medizinisches Besteck oder Teppiche. Sie hofften, damit später viel Geld zu machen.
Mit den Flüchtlingen verdoppelte sich die Bevölkerung des Dorfes und mit ihnen gab es plötzlich auch Katholiken im bis dahin evangelischen Dorf. Die Amerikaner hatten den Bürgermeister eingesetzt. Es war der vormalige Ortsbauernführer, ein Nazi also. 1947 organisierten die Amerikaner die ersten Wahlen. Sie zeigten Präsenz im Dorf und in der Umgebung, fuhren in offenen Jeeps mit aufgepflanztem MG herum.
Auffällig in diesem Dorf war die große Zahl an geistig und körperlich Behinderten, die offenbar während des "Tausendjährigen Reiches" von den überörtlichen Behörden versteckt worden und so der Euthanasie entkommen waren.
Nach einer Aufnahmeprüfung kam ich im Frühjahr 1949 in die Sexta des Gymnasiums in Nidda. Ich war in der Nachkriegszeit und in der Bundesrepublik angekommen.
(Im Buch folgen biografische Angaben und Begriffserklärungen, z. B. für NAPOLA.)u. a.
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26.09.2009 | 09.57 Uhr | Spiegel
Anmerkung am 26.9.09:
Den Text, den ich noch woanders verwenden will, habe ich inzwischen vervollständigt.
Den Text, den ich noch woanders verwenden will, habe ich inzwischen vervollständigt.
29.08.2009 | 11.58 Uhr | Anita Brandtstäter
Hallo Spiegel,
interessantes Zeitzeugen-Projekt - eine Art „Klassenarbeit“ viele, viele Jahre nach dem Abitur. Offensichtlich ist das Buch ja auch in einer Restauflage noch erhältlich.
Gute Ergänzung zu meinem Beitrag “Erinnerung“ der Kriegsenkel? KULTUR 18.08.2009
Immer wieder gibt es auf dieser Plattform Beiträge, die sich mit der Erinnerung an den Holocaust oder den 2. Weltkrieg beschäftigen. Als Diskussionsbeitrag dazu ein Buchtipp.
Liebe Grüße
Anita
interessantes Zeitzeugen-Projekt - eine Art „Klassenarbeit“ viele, viele Jahre nach dem Abitur. Offensichtlich ist das Buch ja auch in einer Restauflage noch erhältlich.
Gute Ergänzung zu meinem Beitrag “Erinnerung“ der Kriegsenkel? KULTUR 18.08.2009
Immer wieder gibt es auf dieser Plattform Beiträge, die sich mit der Erinnerung an den Holocaust oder den 2. Weltkrieg beschäftigen. Als Diskussionsbeitrag dazu ein Buchtipp.
Liebe Grüße
Anita







