ZENSUR!
18.12.2009 | 19.54 | berlin ZENSUR! Offener Brief an den Herausgeber

 
Lokales | 18.12.2009 | 12.36 | paperback writer

Ihr Leitartikel "Das Kulturgut Zeitung ist in Gefahr"
Zensur durch Ihre online-Redaktion
 
Sehr geehrter Herr Neven DuMont,
 
vor mehr als 40 Jahren wurde ich Abonnent des Kölner Stadt-Anzeigers, weil er für liberalen Geist, mutige Recherche, klare Worte und eine hervorragende Schreibe ebenso hervorragender Redakteure stand. Nicht umsonst war er auch weit über die Grenzen Kölns hinaus hoch geachtet und bestens beleumundet. Für all' dies stand immer der gute Name seines Herausgebers - Ihr guter Name.
 
Aber im Laufe der Jahre hat sich leider vieles in Richtung Beliebigkeit und Profillosigkeit verändert, worauf ich jetzt an dieser Stelle aber nicht eingehen möchte - mit einer Ausnahme. Und die bestürzt mich wirklich.
 
Ihr Leitartikel "Das Kulturgut Zeitung ist in Gefahr", der auch in ksta-online veröffentlicht worden war, wurde dort von auffällig vielen Lesern und von deren überwältigender Mehrheit gleichermaßen auffallend kritisch kommentiert. Ob diese Kritik immer fair war, sei einmal dahin gestellt.
 
Am 13. 12. 2009 abends wurden sämtliche bis dahin veröffentliche Leser-Kommentare durch die Redaktion Ihres ksta-online gelöscht und am Morgen des 14. 12. auch Ihr Leitartikel. Begründet wurde die Löschung mit den "beleidigenden und unflätigen" Kommentaren der Leser. Eine an den Haaren herbei gezogene, völlig abstruse Erklärung.
 
Ihre online-Redaktion - und darauf weist sie immer hin - unterzieht jeden einzelnen Leser-Kommentar einer "redaktionellen" Prüfung, bevor sie ihn zur Veröffentlichung im Netz frei gibt. Sie allein hat es also in der Hand, einen Kommentar zu veröffentlichen oder nicht. Dass Beleidigungen und Unflätigkeiten nicht veröffentlicht werden, versteht sich von selbst. Danach hat Ihre online-Redaktion offensichtlich auch in diesem Fall gehandelt, denn ich habe bis zur allgemeinen Löschung zwar harte aber keine beleidigenden oder unflätigen Kommentare ausmachen können. Folglich ist die Erklärung Ihrer online-Redaktion nicht nur absurd, sondern glatt gelogen.

Das ist ein klarer Fall (miserabel gemachter) Zensur. Eine andere Erklärung als diese gibt es nicht. Eine solche Zensur zeugt nicht nur von Unkultur in einer Zeitung sondern ist auch eine Schande für Ihr eigenes liberales Blatt.
 
Aber sie bewirkt noch Schlimmeres: Sie bekräftigt Vorbehalte und Misstrauen, die - zu Recht oder zu Unrecht - von einer überwältigen Mehrheit Ihrer Leser Ihnen gegenüber ausgedrückt worden waren.
 
Verblüffend ist aber noch etwas anderes: Die nur einmalige und merkwürdig kleine Auswahl von Leserkommentaren (ausgerechnet auf einen flammenden Leitartikel des Herausgebers?) in der Printausgabe des Kölner Stadt-Anzeigers. Im krassen Gegensatz zu ksta-online wird dort nämlich freundlicher Meinungsaustausch betrieben, Pro und Contra werden feinsinnig abgearbeitet und in keinem Beitrag werden Niederungen der Kritik an Ihrer Person aufgesucht. Es herrschen vielmehr vorweihnachtliche Friede und Eintracht. Sehr seltsam! Agiert auch hier eine ordnende Hand im Hintergrund?
 
Aber wie auch immer: Kann es wirklich so sein? Gibt es tatsächlich diese brutale Trennlinie zwischen vermeintlich pöbelndem Prekariat (vertreten in ksta-online) und zurückhaltender, feinsinniger Intelligentia (vertreten in der Printausgabe)? Gibt es eine solche Trennlinie, die sich mitten durch Ihre Leserschaft zieht? Nein, das kann nicht sein!
 
Vielmehr verfestigt sich damit nur der Vorwurf der Zensur im Kölner Stadt-Anzeiger: Die online-Beiträge werden pauschal nachträglich gelöscht und die Leserzuschriften für die Printausgabe nach dem Motto "die (wenigen?) Guten ins Töpfchen und in die Veröffentlichung, die (vielen?) Schlechten ins Kröpfchen" rechtzeitig heraus gefiltert.
 
"Das Kulturgut Zeitung ist in Gefahr", klagen Sie in Ihrem Leitartikel. Recht haben Sie. Mit Ihrer eigenen Zeitung liefern Sie leider den Beweis.
 
Was tun, um zu retten, was noch zu retten ist? Als engagierter Befürworter eines "Kulturgut Zeitung" erlaube ich mir, zwei Vorschläge zu unterbreiten.
 
1. Wie wäre es, wenn Sie zur Schadensbegrenzung für Ihre Person und den Kölner Stadt-Anzeiger mit einem zeitnahen zweiten Leitartikel an die Öffentlichkeit träten, um ganz gezielt auf das desaströse Feedback Ihrer Leser in ksta-online einzugehen? Und wie wäre es, wenn Sie gleichzeitig die Gelegenheit nutzten, Ihren Finger in wirklich jede "Wunde" zu legen, die in Köln mit Ihrem Namen verbunden ist - oder auch nur verbunden zu sein scheint? Auch Transparenz ist ein Kulturgut.
 
2. Und wie wäre es, wenn Sie innerhalb Ihres Hauses den skandalösen Lösch-Vorgang Ihrer online-Redaktion kritisch bewerten, mit Ihrem Begriff vom "Kulturgut Zeitung" abgleichen und dann eine zumindest ehrliche Entschuldigung nachliefern ließen?
 
Ich denke, dies sind Sie sich, Ihrer Zeitung und Ihren Lesern schuldig.
 
Mit guten Wünschen für die Festtage und das Neue Jahr
grüßt Sie, verehrter Herr Neven DuMont,
 
Karl-Ludwig ZonsSchlagworte:

Herausgeber | Zensur | Kultur | Unkultur
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