Einige deutsche Märchen kennt sicher jeder. Von Tausendundeiner Nacht hat wohl fast jeder zumindest schon einmal etwas gehört, aber kaum vom Born Judas. Diese 1916 von Micha Josef bin Gorion erstmals herausgegebene Sammlung ist 1934 (!) nochmals in Deutschland erschienen und hat ganz besondere Bedeutung für jüdische Menschen bekommen, deren schlimmste Leidenszeit damals gerade begann.
 
Aber Emanuel bin Gorion, der in Israel lebende Sohn des Sammlers und Herausgebers, war auch nach dem Holocaust 1958 zurecht der Meinung, dass dieses bedeutende Werk weiteren Menschen nicht vorenthalten werden dürfte, und er gab es noch mal im Insel-Verlag heraus.
 
Mir ist es wieder eingefallen, als ich mehr von Paula las, die wegen jüdischer Vorfahren Schlimmes erlebt hat und noch heute in besonderer Weise mit dem Schicksal jüdischer Menschen zu tun bekam und noch hat. Sie wollte ich mit einer Geschichte zuerst auf den Born Judas aufmerksam machen. Es soll aber noch mehr Stadtmenschen geben, die Interesse an diesem Teil der Weltliteratur haben. Für sie möchte ich, wohl im Sinne des Herausgebers, einfach etwas davon zeigen.
 
****
 
„Als Moses Israel aus dem Lande Ägypten geführt hatte und die Kunde davon zu den Völkern gedrungen war, erfaßte sie Furcht und Staunen, und sie verwunderten sich baß über den Mann, der solche Heldentaten vollbracht hatte.
 
Ein arabischer König aber begehrte sehnlich, den Sohn Amrams zu sehen und sandte einen erlesenen Maler in das Lager der Ebräer mit dem Auftrage, ihm von dem Führer der Stämme Jakobs ein Bildnis zu verfertigen. Der Künstler ging hin, bildete die Gestalt Moses ab und brachte die Tafel seinem Fürsten. Da ließ der König die Weisen kommen und gab ihnen auf, aus dem Bilde das innere Wesen und den Charakter des Dargestellten herauszulesen und das Geheimnis seiner Kraft aus seinen Zügen zu ergründen. Die Weisen beschauten das Bildnis und gaben dem König einstimmig folgende Antwort: Nach dem, was wir sehen, zu urteilen, muß der berühmte Mann, das wollen wir unserem Herrn gestehen, ein Mensch von böser Veranlagung, voll Hochmut, Habgier und heftiger Triebe sein, einer, dem man alle Laster, die die menschliche Seele herabwürdigen, vermuten kann. Da ergrimmte der König und sprach: Ihr verhöhnt mich wohl; von überall höre ich nichts als Ruhmvolles über den herrlichen Mann. Nun erschraken die Untergebenen, die Geschichtsforscher und der Künstler, und suchten sich mit demütiger Stimme zu rechtfertigen. Die Weisen gaben dem Maler die Schuld und sagten, daß die Zeichnung falsch sei; der Künstler wiederum schob die Schuld auf die Beurteiler, die das Bild nicht zu deuten verstünden.
 
Da nun der König die Wahrheit wissen wollte, begab er sich in eigener Person mit seinen Reitern in das Lager Israels. Er kam und sah noch von der Ferne das Angesicht Moses, des Mannes Gottes. Er holte das Bildnis hervor und verglich es mit der lebendigen Erscheinung, und siehe, es stimmte mit dieser überein. Dessen verwunderte sich der Fürst ohne Maßen. Er suchte das Zelt des Propheten auf, bückte sich und fiel vor ihm auf sein Angesicht und erzählte, was ihm mit dem Werke des Künstlers widerfahren war. Er sprach: Sei mir gnädig, du Mann Gottes! Ehe ich dein Antlitz geschaut hatte, glaubte ich, daß die Arbeit des Malers mißlungen wäre; nun ich dich von Angesicht schaue, sehe ich, daß die Gesichtsdeuter, die an meinem Tische speisen, mich betrogen haben und daß das, was sie treiben, Afterkunst ist.
 
Da erwiderte Mose dem Fürsten und sprach: Nicht so, mein Herr; sowohl deinem Bildner als deinen Weisen ist recht zu geben. Wäre ich nicht von Natur, wie mich dir die Nachdenklichen schilderten, ich gliche einem verdorrten Stück Holz, von dem man gleichfalls sagen kann, daß es von Untugenden frei ist. Jawohl, mein Herr, ich stehe nicht an, dir zu bekennen, daß all die Fehler, die die Geschichtsdeuter aus meinem Bilde herausgelesen haben, und noch viele andere in mir vorhanden sind, daß ich aber durch die Kraft meines Willens ihrer Herr geworden bin, so daß das Gegenteil davon nunmehr meine zweite Natur ausmacht. Das ist der Grund dafür, daß ich solchen Namen errungen habe und daß ich verherrlicht werde im Himmel da oben und auf der Erde da unten.“
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Kommentare | 1 bis 5 von 5 Kommentieren
07.07.2009 | 08.14 Uhr | Spiegel "Im Osten was neues, im Westen nicht möglich. Warum nur?"
 
fragt Paula unter "Eure Lieblingsbeiträge"
 
Die Antort, die ich geben kann:
 
Im Rheinland hab ich´s mit "Das Bildnis" gar nicht noch einmal versucht, nachdem der A. die "Geschichte der Schöpfung" auf Vereinsseiten zweimal mit seltsamer "Begründung" gelöscht hatte.
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30.06.2009 | 18.04 Uhr | Spiegel (3)
verriegelt.
Tel Aviv 30. Dezember 1958."
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30.06.2009 | 18.02 Uhr | Spiegel (2)
seiner Geschichte hereinbrach, deren Erinnerung allen überlebenden Juden ins Fleisch eingebrannt ist und auch durch die Wiedererstehung Israels als Nation nicht gemildert wird. Wenn ich also heute, weniger noch als ein Menschenalter nach dem Geschehenen, meine Hand zur Erneuerung des Buches gebe in dem Land, von dem es ausgegangen ist, so nicht, weil ich vergessen könnte, dürfte oder wollte. Die Zeit, da an den Fabeln und Geschichten des >Born Judas< unschuldige Kinder sich ergötzen mochten, ist vorüber. Vorbei auch, wie ohne Genugtuung festgestellt werden soll, die Zeit, da das Buch selbst im Abwehrkampf stand, eins mit den Verfolgten, Gemarterten und Verbrannten.
 
Vielleicht aber ist gerade jetzt die Zeit gekommen, da diese Sammlung befragt werden kann von jedem, dessen Herz demütig genug ist, daß es ihm eingibt zu fragen. Ihnen, wer sie auch sein mögen und welche Sprache sie auch sprechen, will ich es nicht vorenthalten haben. Ich will nicht der Stein sein, der die Quelle ...(3)
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30.06.2009 | 17.57 Uhr | Spiegel (1)
Kriegszeit gereicht hat.<
 
Im Jahre 1933, als die Machthaber des Dritten Reiches ihr Vernichtungswerk am jüdischen Volke zunächst mit gesetzlichen Einengungen begannen, ging das Werk an einen innerjüdischen, den von Lambert Schneider geleiteten Berliner Schocken-Verlag über. Die von diesem mit hingebungsvoller Treue am Werk besorgte Ausgabe von 1934 ließ den >Born Judas< aus einem der Weltliteratur angehörenden Buche des deutschen Sprachkreises zu einer Trostfibel einer von der beginnenden Heimsuchung betroffenen engeren Gemeinschaft werden, die darin - in der symbolischen Sprache von Legende, Märchen und Volkserzählung - Weisheit, Mut und Glauben der Altvordern wiederfand und an der geistigen Hinterlassenschaft des mittelalterlichen verfolgten Juden sich stärkte beim Anbruch eines modernen Mittelalters, grausamer und wilder als jenes erste und jede Notzeit sonst.
 
Fünfundzwanzig Jahre sind seither vergangen - Jahre, in denen über das jüdische Volk die größte Katastrophe ... (2)
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30.06.2009 | 17.53 Uhr | Spiegel "DER BORN JUDAS"
Legenden, Märchen und Erzählungen

gesammelt von
MICHA JOSEF BIN GORION

Übertragen von Rahel bin Gorion (seiner Frau)

Neu herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Emanuel bin Gorion (seinem Sohn)

1963 erschienen im Insel-Verlag

 
Micha Josef Berdyczewski, später auch Micha Josef Bin Gorion
(* 7. August 1865 in Medschybisch, Russisches Reich, gest. 18. November 1921 in Berlin)
war ein hebräischer Schriftsteller.(Wikipedia unter M. J. bin Gorion, dort weitere Einzelheiten)

Zum besseren Verständnis wäre es von Bedeutung, das Nachwort E. bin Gorions zu der verwendeten Ausgabe zu lesen. Hier nur ein kurzer Auszug:

"Die erste Ausgabe des >Born Judas< begann 1916, während des ersten Weltkrieges, im Insel-Verlag zu erscheinen; der Sammler, da er seinen Dank an seine Förderer zum Schluß seiner Vorrede zum Ausdruck brachte, vermerkte ausdrücklich: >Ich darf auch nicht unerwähnt lassen, daß der Verlag mir die Hand zu diesem Werke während der schweren ... (1)
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